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World Day of Prayer Guyana 2008
Weltgebetstag Guyana 2008

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Zwei Omas: eine Kindheit in Guayana

Wie die meisten Kinder hatte ich zwei Großmütter. Eine war dick und weich und wohnte auf der Lamaha Street: Oma Mirrie. Die andere war dünn und knochig und wohnte auf der Crown Street: Oma Winnie.

 maasBeide hatte ich gern, Oma Mirrie aber war mir die liebste. Sie saß fast den ganzen Tag in dem abgewetzten Berbice - Stuhl neben dem Fenster. Ein Berbice – Stuhl ist wohl ein typisches Möbelstück aus Guayana.  Reiche britische Plantagenbesitzer könnten ihn entworfen haben, um abends gemütlich auf der Veranda zu sitzen und Rumcocktail zu trinken. Es ist ein  breiter, bequemer Sessel; die hölzernen Armlehnen lassen sich zu Fußteilen verlängern und im Nu ist  ein Liegestuhl für ein Schläfchen daraus zu machen.

Die Kissen in Omas Berbice – Stuhl waren so verbraucht, dass sie flach und hart waren, denn Oma saß dort den ganzen lieben langen Tag. Aber das machte mir nichts aus, weil Oma selbst ja so weich war. Nichts war schöner als mich auf ihrem Schoß zusammenzurollen, ein Buch zu lesen oder einfach von fernen Ländern oder künftigen Abenteuern zu träumen. Oma redete nie viel. Sie machte sich durch alltägliche Hausarbeiten  nützlich – Erbsen puhlen, Reis säubern, Kokos¬nüsse reiben – aber meistens beobachtete sie das Leben auf der Straße.

 Die Lamaha Street, die nördlichste Hauptstraße in Georgetown, verlief parallel zur Atlantikküste und war schon damals eine lebhafte Verkehrsader zwischen Stadt und Land. Wer von Ost-Demarara in die Innenstadt von Georgetown wollte, kam an unserem Haus vorbei. Damals bestand der Verkehr meist aus Fahrrädern, kleinen Eselskarren und größeren Pferdewagen. Schulkinder fuhren mit dem Fahrrad vorbei: das Queen’s College lag gerade um die Ecke, die Bishop’s High School war auch nicht weit und meine eigene Grundschule, St. Margaret’s, war nur eine Ecke weiter.

lamahaUnser Haus war, wie die meisten Häuser in Georgetown damals, ein weiß gestrichenes Holzhaus. Ein typisches Wohnhaus aus der holländischen Kolonialzeit auf hohen Stelzen gebaut mit fünf Schlafzimmern und vielen Fenstern. Eine Außentreppe führte zur Haustür hinauf. Der Unterhausraum diente als Garage und Lagerraum. Die vordere Veranda bestand nur aus Fenstern, Glas und hölzerne Jalousien im Wechsel, während die traditionellen Demerara- Fenster, die wir „coolers“ (die Kühlenden) nannten, sich an den Seiten des Hauses und im oberen  Stockwerk befanden. Demerara - Fenster sind reich geschnitzte, oben offene vorspringende Holzkästen, die sich durch schräge Holzjalousien schließen lassen. Früher, ehe elektrische Ventilatoren üblich wurden, legte man dicke Eisblöcke in die Kästen, um die einströmende heiße Luft abzu¬kühlen – eine geniale und einfache Art der Klimaanlage.
Mutti und ich wohnten in einem Zimmer oben in dem zweistöckigen Haus. Das heißt, wenn sie überhaupt da war. Denn einige Jahre wohnte und arbeitete sie in Trinidad und ließ mich zurück in dem großen Haus bei all den Erwachsenen. Das waren: Oma, Onkel Archie mit all den Gewehren in seinem Zimmer, die niedliche alte Tante Amy, die die ganze Zeit Spitzendeckchen für den Blindenverein häkelte, und die Furcht erregende Tante Leila als Haushaltsvorstand.

westmaas1Tante Leila war Mutters ältere Schwester. Wir hielten sie für eine alte Jungfer, sie war aber tatsächlich einmal verheiratet gewesen, jung verwitwet und kinderlos. Fromm war sie,  ging mehrmals in der Woche zu ihren Kirchenversammlungen, und ich sehe sie heute noch auf der Bettkante sitzen und mit geschlossenen Augen meditieren.

Abergläubisch war sie auch. An jedem Ersten des Monats wiederholte sie zehnmal die Worte „Weißes Kaninchen“. Das brächte Glück, sagte sie. Tante Leila war unheimlich: sie war sehr streng, aber fair - ein gutes Gegengewicht zu Mutti, die mich immer verwöhnte. Tante Leila legte die Hausordnung fest, und sie hielt nichts von lauten Kindern. Aber ich hatte ja sowieso niemanden, mit dem ich hätte lärmen können.

Was mich faszinierte, waren Tiere, große und kleine, insbesondere Ameisen. Ameisen fühlten sich im Haus an der Lamaha Street genauso wohl wie Menschen. Niemand dachte daran, dass sie da nicht hingehörten oder gar daran, sie zu töten. Sie lebten ihr Leben und wir unseres nach dem Motto „Leben und leben lassen“, solange sie nicht in unseren Lebensbereich eindrangen. Wir bewahrten alles, was Ameisen lieben, in ameisensicheren Behältern auf. Keine Zuckerschüssel stand offen auf dem Tisch, Kuchen und Plätzchen waren dicht verschlossen in ameisensicheren Dosen.

westmaas2Ich aber fütterte Ameisen. Sie faszinierten mich. Ich legte gern irgendetwas Süßes an eine ameisenfreie Stelle und wartete gespannt, bis sie kamen. Ich beobachtete, wie sie über das Stück rosa-weißen Zucker¬kuchen herfielen, es von allen Seiten angriffen und es in Brocken davon trugen , die manchmal viel, viel größer waren als sie selbst. Ich beobachtete wie sie die  süße Ladung schleppten und in langer Reihe abmarschierten, die Mauern hoch und den Sims entlang und verfolgte sie bis zu ihrem Nest. Ich wollte wissen, wie es im Innern eines Ameisennests aussah, und deshalb hielt ich Ameisen in verschlossenen Gläsern mit angefeuchtetem Sand gefangen. Da hatten sie keine andere Wahl, als ihre Nester an den Glaswänden unter meinen aufmerksamen, faszinierten Augen zu bauen. Ich fütterte sie von oben mit süßen Krümeln, und wenn ich sie leid war, ließ ich sie wieder frei.

westmaas4Marmeladengläser waren überhaupt mein Lieblingsspielzeug. Ein Glas legte ich mit Löschpapier aus, gab etwas Wasser hinein, schob Samen zwischen Löschpapier und Glas und konnte dann das Wachsen einer Pflanze beobachten. Oder ich sammelte kleine Fische in den Gossen, die vor und hinter unserem Haus, das überflüssige Regen¬wasser ableiteten, und bewahrte sie in meinen Gläsern auf. Kaulquappen hatte ich auch im Glas und beobachtete, wie Beine und Arme wuchsen und wie sie auf die Korkstücke, die ich ihnen anbot, kletterten. Ich war zwar das einzige Kind auf der Lamaha Street, aber ich hatte nie Langeweile.

In dem riesigen Garten gab’s so viel Naturwunder und im Haus steckten die Bücher voller Abenteuer. Puppen hasste ich, überhaupt alles „für Mädchen“ gemachte. Einmal schenkte mir meine Mutter eine riesige Babypuppe zum Geburtstag. Ich war so beleidigt, dass ich sie nie anrührte. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich überhaupt irgendwelche gekauften Spielzeuge besaß. Damals gab es in Guayana kein Fernsehen. Wir hatten ein Radio und einen Plattenspieler. Ich hörte den Kinderfunk und amerikanische Komödien und spielte Schallplatten, bis ich die Lieder auswendig konnte: Three Coins in a Fountain, Elvis Presley’s Wooden Heart, How Much is that Doggie in the Window Und dann hatte ich noch eine eigene Katze, Fluffy, und einen Hund, Frisky.


westmaas3Wenige Schritte von uns lag auf der anderen Seite des Lamaha Street Kanals das Hauptquartier der berittenen Eve Leary Polizei mit einem Stall voll schöner, gepflegter, gut trainierter Pferde, ganz im Gegensatz zu den mageren Kleppern, die die Bauernwagen zogen. Man kannte mich gut bei Eve Leary. Ich kam nämlich oft, die Pferde zu liebkosen, zu streicheln und zu bürsten. Ich durfte sie füttern, und einmal durfte ich sogar ein Fohlen taufen.

Jedes Mal in der Regenzeit stand Georgetown wochenlang unter Wasser, aber in unserem Haus auf Stelzen blieben wir immer trocken. Ich baute Flöße und spielte mit Freunden Boot fahren.
Nie werde ich das Geräusch vergessen, wenn der Regen auf das Wellblechdach trommelte. Es klang als ob sich ein Ozean aufs Dach ergießen würde. Manchmal saß ich in meinem Zimmer oben an meinem kleinen Schreibtisch und füllte ein Schulheft nach dem andern mit Geschichten: von Kindern, die auf Abenteuer loszogen, oder die mit Pferden und Hunden lebten.

Meine Phantasiekinder entdeckten vergrabene Schätze und brachten Diebe und böse Entführer vor Gericht. Die „Famous Five/Fünf Freunde“ - Bücher von Enid Blyton inspirierten mich, und so lebten meine Helden immer in England und waren immer Weiße, wie alle Kinder in allen Büchern, die ich las. Ich war nie einsam, nie gelangweilt: ich schaffte mir meine eigenen Welten und meine eigenen Freunde, und das machte mir das Leben in einem Hause mit  lauter Erwachsenen ganz erträglich.

 Oma Winnie’s Haus war das ganze Gegenteil. Das Haus an Crown Street war nur einstöckig - bis mein Vater das Untergeschoss für seine junge Familie in eine Wohnung umwandelte. Zu allen Zeiten war es ein Haus voller Kinder gewesen. Oma Winnie hatte acht Söhne. Die Wände ihres Hauses waren bedeckt mit den Fotos von acht großen jungen Soldaten, die in die Kamera lächelten, stolz und gut aussehend in ihren Uniformen. Es waren zum Teil Einzelportraits, zuweilen Zweier- oder Dreiergruppen oder alle acht in einer Reihe, hellhäutig oder dunkelhäutig, acht Brüder, die unbedingt ein weit entferntes Vaterland jenseits des Ozeans verteidigen wollten.  Alle traten im Zweiten Weltkrieg als Freiwillige in die britische Armee ein. Zwei kehrten nie zurück.

Wie muss das für eine Mutter sein, acht Söhne wegzuschicken, in einen Krieg auf der andern Seite der Erde? Ich weiß nur, dass sie und ihr Mann George eines Tages zu Mittag aßen, als plötzlich ein Knall sie hochfahren und ins Wohnzimmer laufen ließ. Das Foto von Onkel Douglas war von der Wand gefallen. „Douglas ist tot!“ jammerte Oma Winnie, und es war wirklich so. Genau an dem Tag wurde Onkel Douglas Kriegsschiff vor der Küste von Singapur von japanischen Bombern getroffen. In Singapur gibt es ein Kriegerdenkmal, das seinen Namen trägt.

Ihr Sohn Donald heiratete in England und kehrte nie nach Guayana zurück. Die andern kamen alle wieder nach Hause und bis auf einen heirateten sie und hatten Kinder. Onkel Ruperts Frau wurde, nur wenige Wochen nach der Geburt ihres letzten Kindes, bei einem Zugunglück getötet. So zog er mit seinen fünf Kindern in das kleine Haus auf der Crown Street. Onkel Dennis war ein Clown und eine echte Rarität. Er war der, der nie heiratete, er brauchte keine Kinder, weil er ja uns alle hatte, eine Horde Nichten und Neffen, mindestens zwanzig, vom kleinsten Baby bis zu Ronald, unserem Ältesten, mit seinen zwanzig Jahren schon erwachsen.

Geistvoll und eigenwillig, ein Dorn im Auge seiner Brüder, blieb Onkel Dennis sein ganzes Leben lang selbst ein Kind. Für uns war er absolut der Held. Keiner sonst hatte einen Onkel, der mit den Ohren wackeln konnte, der endlos Witze erzählte und komische Geschichten auf Lager hatte.
Keiner sonst hatte einen Onkel, der sich auf den Boden legte, seinen Bauch aufblies zu einem Trampolin für winzige Kinderfüße.

 Onkel Dennis brachte Kinder zum Lachen – aber er brachte sie auch an die Arbeit. Die einzige Arbeit, die er jemals hatte, war privater Nachhilfelehrer in nahezu jedem Fach. Denn Onkel Dennis wusste alles, und was er nicht wusste, brachte er sich selbst bei, einschließlich Deutsch. Sein Problem war, dass er nie Geld für die Nachhilfe nahm und sein Leben lang von seinen Eltern oder Brüdern abhängig blieb. Er radelte auf seinem alten rostigen Fahrrad durch die Straßen von Georgetown, hielt an und erzählte den Leuten Witze, und jeder kannte Onkel Dennis. Er war der Komödiant der Stadt. Und doch war er derjenige, der sich um Oma Winnie sorgte, als sie alt und senil wurde.

 An zwei Dinge erinnere ich mich besonders, wenn ich an Oma Winnie denke: Sie spielte Geige und sie strickte, zwei sehr ungewöhnliche Hobbys für eine Frau in Guayana, besonders das Stricken. Wer brauchte denn warme Socken und Pullover? Jedoch später, als die meisten ihrer Söhne in kühlere Klimazonen auswanderten, waren diese Socken und Pullover sehr begehrt.

Als Omas Erinnerungs¬vermögen nachließ, versagte auch ihr Namensgedächtnis. Die Namen all ihrer Söhne perlten ihr von den Lippen, wenn sie versuchte, den richtigen Namen zu finden: “Dennis-David-Donald-Douglas-Rupert-Patrick-Leonard-Rory!“

Wenn ich mich heute an Oma Winnies Gesicht erinnere, ist es gramzerfurcht. Als ich gerade sechs war, geschah wieder ein tragischer Todesfall. Mein 13-jähriger Vetter Wayne, einer der Halbwaisen, die Oma großzog, experimentierte gern mit Chemikalien in einem der unteren Zimmer. Eines Tages als ich vom Spielplatz zurückkehrte, sah ich Wayne um die Hausecke rennen, die Hände auf die Brust gepresst. Blut strömte zwischen seinen Fingern heraus. Mein Vater fuhr Wayne, der in den Armen seines Vaters lag, ins Krankenhaus. Als sie schließlich dort ankamen, war Wayne tot. Er hatte mit einem Freund versucht, eine Rohrbombe zu bauen, und er hatte sie falsch herum gehalten, so dass sie ihm ins Herz explodierte. Ich werde niemals Omas Gesichtsausdruck vergessen an dem Tag, als man Wayne heim brachte und ihn dort ins vordere Zimmer legte, bleich, steif und kalt.

Omas Söhne wanderten einer nach dem andern aus und nahmen ihre Familien mit. Das Haus an der Crown Street wurde leer. Die einzigen Söhne, die blieben, waren Onkel Dennis und mein Vater.
Die Familie Westmaas, einst eine eng verbundene Großfamilie mit einem guten Namen in Georgetown, war nun über zwei Kontinente verstreut. Alle suchten die grüneren Felder in Kanada, Großbritannien und den USA.

Wir sind ein lebendes Beispiel für den Rückgang in Guayana. Denn in dem Maß, in dem die Bevölkerung auswanderte, gingen Innovation, Inspiration und Fortschritt zurück. Diejenigen, die blieben, blickten auf goldene Zeiten zurück, eine magische Zeit aus unserer Kindheit.
Und dennoch. Und dennoch. Als Cheddi Jagan nach 30 Jahren als Oppositionsführer endlich 1992 zum Präsidenten gewählt wurde, kehrte mein Onkel Rory, als preisgekrönter Architekt der erfolgreichste von den acht Westmaas Brüdern, ins alte Elternhaus zurück. Zwei seiner Söhne ebenso, einer war Ingenieur, der andere Rechtsanwalt. So machten es auch andere Guayaner, die sich den Samen der Hoffnung im Herzen bewahrt haben. Vielleicht werde auch ich eines Tages zurückkehren. Wir, die wir dort aufwuchsen und nun über die ganze Welt verstreut sind, wissen: Dies ist das Land, das uns großgezogen hat, das Land unserer Großmütter.
(Übersetzung: Brigitte Leyendecker/Renate Kirsch)

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